Franziska Furrer

Der Stein ist ein Nadelkissen. Tausende von Nadeln hat die Künstlerin Franziska Furrer in den weichen Stoffkörper eines Kissens gesteckt, bis ein silbern schimmernder Findling das Weiche hart erscheinen, den Schein dem Sein widersprechen liess. Die verletzend spitzen Nadeln gehen nach innen, die Aussenhaut des Kissens, das jetzt die Rolle eines Steins spielt, verlockt dazu, mit den Fingerspitzen darüber zu fahren, zu ertasten, wie es sich anfühlt, wenn kleine Kugeln Fläche und Körper werden. Anders die stacheligen Kugeln, zu denen schachtelweise Zahnstocher zusammengesteckt sind: Die Spitzen drohen mit Schmerz, fordern von Hand und Auge Distanz. Zu rechteckigen Polstern zusammengefügt, sind die Kugeln in eine Ordnung gebracht. Diese Ordnung aber schützt nicht, sie kann auseinanderbrechen. Die schwarzen Kugeln auf hohen Holzstangen versprechen wollene Weichheit, doch sie sind unerreichbar. Die dunkle Wolke lässt im Unklaren, ob ihr Sein dem Schein entspricht.

Franziska Furrer arbeitet mit alltäglichen Materialien: Stecknadeln, Zahnstocher, Wollgarn. In ausdauernd repetierten Bewegungen verwandelt sie diese Materialien in das Nicht-Alltägliche, macht aus dem Gewöhnlichen das Ungewöhnliche, bringt ungeordnet Zuffälliges in eine gestaltete Ordnung. Sie schafft Zusammenhänge und öffnet durch ihre Werktitel Bedeutungsfelder, die auf persönliche wie gemeinsame Erinnerungen verweisen: die Stachelkugel erinnert an die Votivgabe nach glücklicher Niederkunft, der Findling aus Nadeln an das tägliche Aufräumen, die Wollknäuel an das Abwickeln und Aufwickeln um eine leere Mitte. Ordnung und Unordnung heben sich auf, totes, aus der Natur gewonnenes Material wird zurückgeführt zum Schein von organischer Natur. Franziska Furrer macht aufmerksam auf die Unterschiede und fordert auf, genau hinzusehen. Was sie vor Augen führt, ist nicht, was es scheint, und beides wird fragwürdig: das Sein wie der Schein.
Urs Bugmann

Nägel werden im Alltag gebraucht, um Dinge miteinander zu verbinden oder etwas zu befestigen. Der Nagel ist hart, spitz, fast schon gefährlich. Diese ausgestellte Arbeit wandelt die Eigenschaften des Nagels um. Das Aggressive bleibt bemerkbar, da die Nägel durch eine aus Vinamold gefertigte Haut gestossen wurden und diese verletzen. Durch die Anzahl und Anordnung der Nägel entsteht jedoch eine neue Dimension. Die Nägel werden auf Grund ihrer Vielzahl zu Haaren oder Borsten und die Arbeit erscheint als eine Art Fell. Der Eindruck des Agressiven weicht spätestens in dem Moment, in welchem man mit der Hand über das Fell streicht. Eine andere, gegenteilige Erfahrung wird spürbar. Die Nägel verwandeln sich zu weichen, geschmeidigen Haaren. Sie beginnen ob der Bewegung zu glitzern und glänzen. Durch die Weichheit und den Glanz erhält das Fell einen völlig anderen Ausdruck. Aus den Nägeln wird ein kostbares, weiches und schmuckvolles Tiergewand.

Franziska Furrer
*1974 in Isenthal Uri
lebt und arbeitet in Altdorf Uri

Ausbildung
1999-2000 Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich
2001-2005 Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern

Auszeichnungen
2016 Förderbeitrag, Kanton Uri
2015 Förderbeitrag, Kanton Uri
Förderbeitrag Albert Köchlin Stiftung
2013 Förderbeitrag Albert Köchlin Stiftung
Förderbeitrag, Kanton Uri
2010 Atelierstipendium Paris
2009 Atelierstipendium „Cité International des Arts“ Paris,
visarte Zentralschweiz
Förderbeitrag, Kanton Uri
2008 Atelierstipendium New York
2004 Studienstipendium Helsinki

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www.hausfuerkunsturi.ch/allgemeines/urner-jahresausstellung-2016/
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www.hausfuerkunsturi.ch/allgemeines/urner-jahresausstellung-2009/
www.hausfuerkunsturi.ch/allgemeines/tierisch-wenn-der-mensch-auf-den-hund-kommt/
www.hausfuerkunsturi.ch/allgemeines/reiz-amp-risiko-risk-amp-allure/

Franziska Furrer, "findling (endlich in ordnung bringen)", 2009, Baumwolle, Kunststoff, Stahl
Franziska Furrer, "vergewissern", 2009
Franziska Furrer, "on and on and on and on (eigentlich ist mir das zu hoch)", 2007-2009, Garn, Holz