Peter Regli – DER SCHLAFENDE BAUM

Für die Einzelausstellung «Der Schlafende Baum» entstanden neue Arbeiten aus Stein, Holz, Reinzinn, Holzkohle und Papier für die Innenräume und den Garten.

Peter Regli hat seine Reality Hackings systematisch dokumentiert, man kann sie jederzeit auf www.realityhacking.com abrufen.

art-tv: Das Kulturfernsehen im Netz
Filmbeitrag von Janine Rudolf

Reglis Natur- und Kunstgeschichten

«Der schlafende Baum» – heisst die Ausstellung von Peter Regli im Haus für Kunst Uri, mit der sich der Künstler zum ersten Mal in seinem Heimatkanton präsentiert. Dieser Titel ist zugleich poetisch und ein Versprechen, das der Künstler wörtlich einlöst. Im Innenhof des Museums ruht ein mächtiger Buchenstamm von viereinhalb Metern Länge auf einem Sockel. Der Schlaf aber ist nicht friedlich wie es auf den ersten Blick scheinen könnte: Die blutroten Schnittflächen des Baumes machen aus dem schlafenden ein verwundetes oder gar totes Objekt. Poesie, Schönheit, Gewalt und Tod sind für Regli nahe Verwandte, die er als grosse Themen seiner Kunst zu Beginn der Ausstellung anspielt. Diese sind nicht zufällig gewählt, sondern haben mit den Traditionen der Innerschweiz zu tun, wo die Geschichten der christlichen Religion in Kunstwerke aus Holz und Marmor verwandelt, mit Farben und Gold erzählt werden, und wo die Bildwelten des Katholizismus oft von Schönheit in Gewalt umschlagen.

Aber kehren wir von den Kunstgeschichten zurück zu den Naturgeschichten: In einem der Haupträume der Ausstellung treffen wir auf einen mächtigen Bären mit aufgerichteten Tatzen, den ein professioneller Schnitzer aus einem Stamm gesägt und gehauen hat. Wie der Buchenstamm liegt das Tier hilflos auf dem Boden, aufgebahrt zwischen zwei Säulen. Durch die Verwandlung von rohem Holz in ein Tier und die Inszenierung im Museumsraum entsteht eine sakrale Szene, die an Darstellungen des liegenden, toten Christus in einer der Urner Kirchen erinnert.

Nicht nur Natur wird in der künstlerischen Arbeit von Peter Regli zu Kunst, sondern die natürlichen Materialien selber verwandeln sich: Holz wird durch klassische Köhlertechnik zu Kohle, die der Künstler zu fragilen, tiefschwarzen und abstrakten Gebilden schichtet. Beim physikalischen Prozess des Verkohlens wird bekanntlich Hitze frei, die Metall zum Schmelzen bringt. Für eine weitere Werkgruppe im Haus für Kunst Uri hat Peter Regli Zinn geschmolzen, das er in flüssiger Form auf den Boden giesst und in fantastische Formen verwandelt, die nun in Altdorf als Wolken von den Wänden glitzern oder sich zu einem grandiosen Herz formieren. Die Zinnobjekte leuchten silbrig und golden oder glimmen in stumpfer Metallfarbe von den Wänden, je nach Licht, das auf die flachen Skulpturen fällt.

Regli bezieht sich mit seiner Bilderwelt nicht nur auf die Welt des heimischen Katholizismus: Seine Skulpturen aus weissem Marmor erinnern mehr an heidnische Geister oder fremde Götter als an die Heiligen der Kirchen. Seit mehreren Jahren arbeitet der Künstler in Vietnam mit Steinbildhauern, mit denen er Gruppen von Skulpturen wie Schneemänner oder Buddhas produziert. Ein riesiger Schneemann steht in Altdorf als Türwächter vor dem Kunsthaus, und zwei Schneemänner oder -frauen mit asiatischen Rosettenaugen im Innern zeigen die fröhliche Götterwelt des Peter Regli. 

Über dem Urner Kunsthaus schwebt ein grosser Künstlername: Heinrich Danioth. Diesem Maler ist traditionellerweise ein eigener Saal gewidmet, zu dem sich die zeitgenössischen Künstler mit ihren temporären Ausstellungen positionieren. Peter Regli nun wählt eine neue Art der Begegnung mit dem Urner: Er lässt den Danioth-Saal von Theatermalerinnen als ein räumliches Aquarell des Künstlers übergross ausmalen, und von der Decke hängt er vier hölzerne Adlerskulpturen. Diese sind verdreht, in der Mitte auseinander gesägt und verschoben wieder zusammengefügt. In dieser spektakulären Inszenierung treffen metaphorisch zwei Künstlerpersönlichkeiten aufeinander: Peter Regli, der in seiner Jugend der «Adler vom Gotthard» genannt wurde und der Maler Danioth. Wer dann noch einen Blick auf die Titel der ausgestellten Werke von Regli wirft, wird staunen: Allesamt tragen diese Titel von (abwesenden) Kunstwerken von Heinrich Danioth. So heisst beispielsweise eine Holzskulptur «Der Überseer 1940», und ein Schneemann ist «Gitschen 1952».  Mit Witz und selbstbewusst sucht Regli mit seiner Kunst einen ganz ungewohnten Dialog mit dem Urner Meister.

Als Besucherinnen oder Betrachter befinden wir uns in der Ausstellung von Peter Regli in einem eigenwilligen künstlerischen Kosmos, der mit Holz, Marmor, Farbe und Zinn Geschichten über Natur, Globalisierung, Tradition, Religion und vor allem über das abgründig-heitere und subversiv-gefährliche Potential der aktuellen Kunst erzählt. Über der ganzen Ausstellung aber glänzt ein starkes Symbol: Das Herz. Draussen vor der Tür des Kunsthauses flattert es pink als drei Meter grosse Fahne, im Innern des Museums leuchtet es als gleissendes Zinnherz. Kunst braucht Herz, scheint uns Regli zuzurufen, denn bei seiner Kunst geht es immer um grosse Gefühle und um Leben und Tod.

Gabriela Christen, 3. 6. 2013

Einladungskarte
Karte Kunstvermittlung

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar