wiedemann/mettler

safe haven / réduit. Über Sicherheitstechnologien

Nur eine Arche habe Schutz geboten vor den alles verschlingenden Fluten, die eine Welt untergehen liessen. Es sei eine Arche für Tiere gewesen, ein aus rohem Holz gezimmertes Rettungsschiff für die bedrohte Schöpfung, auf den ansteigenden Wassern treibend ohne Richtung und Ziel. Ihre Bestimmung war, dass die Tiere, von Noah mit harter Hand und immer paarweise selektiert, sich dereinst, wenn das Wasser wieder festem Boden weichen würde, zur Ehre Gottes erneut fortzupflanzen sollen. Als einzige der Flut entkommen, fanden sich die Überlebenden eingepfercht in den dunklen, stinkenden Schiffsrumpf, frierend, bis in die Knochen verängstigt, Noah ausgeliefert, dem Schicksal ergeben. Sicherheit fordert ihren Preis. Better safe than sorry – lieber in Noahs Arche den Weltuntergang überstehen als im eiskalten Wasser vor dem Ertrinken als Letztes noch denken müssen: «Es tut mir so leid! was kann ich dafür? warum ich?! oh Gott!»

Während das Réduit als militärisch-ideologisches Manöver 1940 immerhin geschickt über den Umstand hinwegtäuschte, wie sehr die Schweizer Eliten sich politisch ambivalent verhielten und das Land wirtschaftlich mit Nazi-Deutschland kooperierte, liegt heute der flagrante Widerspruch zwischen realer Vernetzung und mentaler Abschottung offen zu Tage. Allein, die rückwärtsgewandte mentale Versteinerung ist zwar ein innenpolitisches Problem, aber sie lenkt vor allem vom Umstand ab, dass in der Vernetzung ganz andere Möglichkeiten liegen und ganz andere Gefahren lauern, als unsere «Identität» zu bedrohen. Denn Vernetzung, namentlich die elektronische Vernetzung, versprach uns bekanntlich nichts weniger die Freiheit: die Freiheit der Assoziation im world wide web, die Freiheit, zu kommunizieren, Gemeinschaften zu bilden und uns auszutauschen mit wem auch immer wir wollten, jenseits der polizeilich geschützten Grenzen der Nation, fernab von staatlicher Kontrolle, in einem in alle Richtungen wachsenden, dichter werdenden, unregulierten und tendenziell weltweiten Netz von Beziehungen.
Heute realisieren wir, aufschreckend aus unseren süssen Technologie-Träumen der Jahrtausendwende, wie sehr die elektronische Vernetzung dank dem Zusammenlaufen unseren «Datenspuren» in IT-Knotenpunkten und kommerziellen wie staatlichen Server-«Farmen» eine weltweite, zugleich aber präzis individualisierende Kontrolle und Überwachung ermöglicht. Unschuldigen Tierchen gleich, die ungeregelten Sex auf elektronischen Spielwiesen hatten, entdeckten wir an einem kalten Morgen, dass jeder unserer Schritte aufgezeichnet wurde und gesichtslose Noahs uns mit harter, aber unsichtbarer Hand identifiziert und registriert haben, um uns vor den drohenden Fluten von, wahlweise, «Terrorismus» oder «Islamismus», «organisiertem Verbrechen» oder «Pädophilie» zu retten. Better safe than sorry: In ihren riesigen, vor Geheimnistuerei stinkenden Archen – jenen Datenräume, wo wir alle unseren Platz einnehmen müssen, wo für uns gesorgt wird und wo Übeltäter von uns ferngehalten, ja aussortiert und ins Meer gestossen werden wie schwarze Schafe – in diesen Archen also versprechen sie uns «Sicherheit». Doch ihre «Sicherheit» ist vergiftet. Seit die Akkumulation und Verwertung privater user-Daten märchenhaften Reichtum bei einigen wenigen produziert, und seit die alteingefleischte Kontroll-Lust staatlicher Apparate sich ins Planetarische gesteigert hat, ist jede Arche, die uns «Sicherheit» vorgaukelt, zum Trojanischen Pferd geworden. Als die verschreckten elektronischen Tiere, die wir jetzt sind, müssten wir uns an den Strand flüchten, schwimmen lernen oder eigene Flösse bauen, falls wir das können. Mit Unsicherheit und auf dem offenen «Meer» leben zu wollen, erscheint jedenfalls als die vernünftigste politische Option, die uns bleibt.
Philipp Sarasin, aus dem Katalog «better safe than sorry», Scheidegger & Spiess, August 2014

Abgründig ist das zweideutige Spiel, das Wiedemann/Mettler in morbus cosmos mit gehäuteten, mechanischen Spielzeugtieren treiben. Hündchen, Schweinchen, Kaninchen und Äffchen hängen zwischen riesenhaften Pompons in einem Mobile. Ruht das ironische Planetensystem, hält es die einzelnen, grotesk verzerrten Elemente des künstlerischen Kosmos zusammen. Wird die Mechanik der Spielzeugtiere aber in Betrieb genommen, bringt der ohrenbetäubende Lärm die Installation zum Vibrieren. Die gigantischen Wollknäuel – sie wiegen bis zu 15 kg – sehen plötzlich bedrohlich aus, die kleinen Viecher wirken ohne Kunstfell gespenstisch und ihre Kindchenschema-Fratzen absurd.
Wiedemann/ Mettler haben den Babytieren selbst das Fell über die Ohren gezogen. Der Verweis auf den ausbeuterischen Umgang der Menschen mit den Tieren wirkt anklägerisch. Das Künstlerpaar spitzt die Aussage sogar noch weiter zu, indem es die Häutung an der verniedlichten und zur Maschine umfunktionierten Kleinstversion des ursprünglichen Wildtiers vornimmt. Die Spielzeuge selbst stehen ja schon am Ende der langen Tradition menschlicher Zurichtung des Tieres für Dienstleistungs- und Unterhaltungszwecke. Insofern führt die Häutung lediglich die Logik dieser «Ausbeutung» weiter.

Pascale Wiedemann Mettler
*1966, lebt und arbeitet in Zürich

Ausbildung
Studium der Innenarchitektur und Produktegestaltung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (ZHdK), Zürich
freischaffende Künstlerin, seit 2002 als wiedemann/mettler
Bühnenbild an der Universität für angewandte Kunst, Wien

Daniel Mettler
*
1965, lebt und arbeitet in Zürich

Ausbildung
Diplom am Departement Architektur (DARCH) an der ETH Zürich
selbständiger Architekt und Künstler, seit 2002 als wiedemann/mettler
Dozent am Departement Architektur (DARCH) an der ETH Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
Seit 2002 als wiedemann/mettler:
2014 better safe than sorry, Haus für Kunst Uri *
2013 body search, Lullin + Ferrari, Zürich
wide open, Fumetto, Int.Comix-Festival, Luzern
2012 with a view, Galerie Luciano Fasciati, Chur
velvet value, Lullin + Ferrari, Zürich
2010 schmale Erinnerung, Binz 39, Zürich
2009 Mercy, Galerie Luciano Fasciati, Chur *
2008 downhill, Kunstkammer der AZB, Zürich *
2007 Morbus, Galerie Stephan Witschi, Zürich
I love you so much it hurts me 2, art3, Valence (F) *
2004 Persönliche Wertsachen, Galaria Fravi, Domat/ Ems *
2002 Balg, Städtische Galerie, Villingen-Schwenningen (D) *
Pascale Wiedemann vor 2002:
2001 Selbstportrait, Kunstkasten, Winterthur
Daheim 6, Espai Lucas, Valencia (E)
2000 Daheim 5, Galerie Guy Ledune, Brüssel
Daheim 2, Stiftung Binz 39, Zürich
Entre femmes, Casino Luxemburg (L) *
1999 Treibhaus, (Manor Kunstpreis), Kunstmuseum Chur *
1998 Nature 2, attitudes, Genf
Nature 1, Saint Gervais, Genf
1997 I love you so much it hurts me 1, Kleines Helmhaus, Zürich, und Fotoforum, St. Gallen *
Kunstvitrine, Kunsthaus, Zürich
1996 Salon, mit Barbara Landi, Stiftung Binz 39, Zürich
Espai Lucas, Valencia (E) *
1995 Dicke Freundinnen, mit Barbara Landi, Messagesalon, Esther Eppstein, Zürich
Galerie Eboran, Salzburg (A)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
Seit 2002 als wiedemann/mettler:
2014 Cargo! Zeitgenössische Kunst im Museum Rietberg, Zürich *
Kunstwege / Vias d’art, Pontresina
kleine Formate, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2013 Suspense, Lullin + Ferrari, Zürich
Hotel, Galerie Luciano Fasciati, Chur
La realtà non è un luogo comune Fotografie e video dalla Collezione d’arte della Julius Baer, Museo Cantonale d’Arte, Lugano
Hinter Grund, Galerie Luciano Fasciati, Chur
darüber hinaus, eine Ausstellung zur Malerei, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2012 Slight Adjustments, Lullin + Ferrari, Zürich
Arte Hotel Bregaglia (Part III), Galerie Luciano Fasciati, Chur
ART COLOGNE mit Lullin + Ferrari, Zürich
2011 INVASIONEN, Galerie Carolyn Heinz, Hamburg
Natur 1, Galerie Luciano Fasciati, Chur
KUNSTRAUSCH, Bayerisches Nationalmuseum, München
Arte Hotel Bregaglia (Part II), Galerie Luciano Fasciati, Chur
(RE)CONSTRUCTED, Kunsthaus Glarus
Neue Masche, Museum Bellerive, Zürich
2010 Kopf oder Zahl, Galerie Luciano Fasciati, Chur
Arte Hotel Bregaglia, Luciano Fasciati, Chur *
Drôles de lieux, Kunstmuseum Moutier
Paarkunst, Galerie Luciano Fasciati, Chur *
2009 in der Nacht, Galerie Luciano Fasciati, Chur
Winternachtgarten, Kunsthalle Luzern
Genipulation, Centre Pasqu Art, Biel *
der fixierte Augenblick, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2008 Belvedere“, Galerie Luciano Fasciati, Chur
arche noah, video lounge bei Galerie Luciano Fasciati, Chur
Ego Documents – Das autobiografische in der Kunst, Kunstmuseum Bern * Average, Kunsthaus Langenthal *
Flower Power, Galerie Luciano Fasciati, Chur
then we take Berlin.Part 2, Substitut – Raum für aktuelle Kunst aus der Schweiz, Berlin
2007 der rote Faden, Galerie Luciano Fasciati, Chur
Fleischeslust oder die Lust an der Darstellung des Fleischlichen, Bündner Kunstmuseum, Chur *
Tierisch, Haus für Kunst Uri, Altdorf
2003 Mondopunkt Künstlerhaus Bethanien, Berlin *
Pascale Wiedemann vor 2002:
2001 Es lebe der Sport, Shed im Eisenwerk, Frauenfeld
Familie, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich *
Pulsion, Centre Culturel Suisse, Paris *
1999 Searchligth, CCAC San Francisco *
1998 Fünf Komma Fünf, Fotomuseum, Winterthur *
Choix d’oeuvres du FRAC Bourgogne, Paris
1997–2000 Werk- und Atelierstipendien, Helmhaus, Zürich
1997 Hybrid Workspace, Videoprogramm, Documenta X, Kassel
Nonchalance, Centre PasquArt, Biel *
My swiss friends, Gallery Lombard-Freid Fine Arts, New York
un bel été, Casino Luxenburg *
Faktor Arbeit, Neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin *
destruction and recovery, Swiss Institute, New York
1996 Unter 36, Bündner Kunstmuseum Chur *
Erotica: Kabinettstücke, Kammerkunst & Co, Kunsthaus Zürich *
Übergänge, Bündner Kunstmuseum, Chur
1994 Steirischer Herbst, Graz *
1992–2013 Jahresausstellung der Bündner Künstler, Bündner Kunstmuseum, Chur

* zu diesen Ausstellungen ist eine Publikation erschienen

Stipendien, Preise und Kunst am Bau Projekte
Seit 2002 als wiedemann/mettler:
2013 Kunst am Bau stairway to heaven, Stadt Zürich
Werkbeitrag Kanton Graubünden
2012 Kunst am Bau im Licht der Erinnerung, da casa val lumnezia
Kunst am Bau fountainhead, Alterssiedlung Bodmer, Chur
Kunst am Bau the opportunity to stumble, ZKB Hauptsitz Zürich
Kunst am Bau window to the world, Bürgergemeinde Chur
2011 KUNSTSPRINGEN, Kunst Zürich (ZKB-Lounge)
2010 Kunst am Bau Ersatzneubau Altersheim Trotte, Stadt Zürich
2009 Kunst am Bau im Alters- und Pflegeheim, Jenaz
2008 Förderbeitrag Kanton Graubünden
Kunst am Bau im St.Claraspital, Basel
2007 Atelierstipendium des Kanton Graubünden in Berlin
Kunst am Bau  im Ospidal Val Müstair, St.Maria
Wettbewerb Kreisel Uletsch, Laax
2006 Werkbeitrag Kanton Graubünden
2005 Wettbewerb Alexanderplatz, Chur
2004 Wettbewerb Bahnhofplatz, Chur
2 002 Kunst am Bau Wohnsiedlung Witikon, Stadt Zürich
Pascale Wiedemann vor 2002:
2001 Anerkennungspreis der Stadt Chur
2000 Atelierstipendium Genua, Stadt Zürich
1 999 Stipendium der Stadt Zürich
1998 Manor Kunstpreis Graubünden
Atelierstipendium Binz 39
1996 Leistungspreis der ZHdK Zürich
Kiefer-Hablitzel-Stipendium
1996 und 1997 Werkbeitrag des Kantons Zürich
1995 Förderpreis des Kantons Graubünden
1994 Atelierstipendium des Kantons Graubünden in Paris (Cité des arts)
1992 Förderpreis der ZHdK Zürich

Gemeinsame Publikationen (seit 2002):
2014 better safe than sorry, Verlag Scheidegger&Spiess, Zürich
2012 zwei Ausstellungen, Zürich
2011 velvet value, Zürich
2009 denk an mich, Zürich
2009 System, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2008 egeneto, Ypsomed, Burgdorf
2007 morbus infinitus, Verlag Scheidegger&Spiess, Zürich
2007 subkutan, Verlag Scheidegger&Spiess, Zürich
2007 wiedemann/mettler, semaine no.120 / Analogues, Arles (F)
2005 wilder Osten, Chur
2004 Persönliche Wertsachen, Galaria Fravi, Domat/Ems
2002 Balg, Städtische Galerie, Villingen-Schwenningen (D)

Video (-Installationen)
2012 radial blossom (wiedemann/mettler)
2007 arche noah (wiedemann/mettler)
2002 Balg (wiedemann/mettler)
2001 Formel Baby (Pascale Wiedemann)
2000 Stube (Pascale Wiedemann mit Pascale Willi)
1999 Treibhaus (Pascale Wiedemann)
1999 Innen (Pascale Wiedemann)
1998 Nature 1 und Nature 2 (Pascale Wiedemann)
1997 I love you so much it hurts me (Pascale Wiedemann)
1996 heimlich (Pascale Wiedemann)

Arbeiten von wiedemann/mettler finden sich in nationalen und internationalen Sammlungen.

www.wiedemannmettler.ch
www.hausfuerkunsturi.ch/allgemeines/natur-zwischen-sehnsucht-und-wirklichkeit/
www.hausfuerkunsturi.ch/allgemeines/wiedemann-mettler-d1/
www.hausfuerkunsturi.ch/allgemeines/tierisch-wenn-der-mensch-auf-den-hund-kommt/

Installationsansicht «better safe than sorry», HfK Uri, 2014; © wiedemann/mettler