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Marionettenfiguren nach Entwürfen von Heinrich Danioth in der Ausstellung MINIVERSUM im HfK Uri; Fotografie: © F.X. Brun

Requisiten zum Krippenspiel von Heinrich Danioth in der Ausstellung MINIVERSUM im HfK Uri, mit «Cäsar» von Peter Sauerer; Fotografie: © F.X. Brun

Marionettenfiguren nach Entwürfen von Heinrich Danioth in der Ausstellung MINIVERSUM im HfK Uri; Fotografie: © F.X. Brun

Eugen Püntener und Heinrich Danioth; Fotografie: Archiv Jans

Heinrich Danioth mit «Joder» und Eugen Püntener; Fotografie: Archiv Jans

Erna Schillig mit «Josef», «Maria» und «Jesuskind»; Fotografie: Archiv Jans

«Joder»; Fotografie: Archiv Jans

«Gruppe Gelb-Schwarz», die das Krippenspiel 1945 in Altdorf uraufführte. Von links nach rechts: Albert Walker, Josef Utiger, Delia Püntener, Eva Renner, Carl Gisler; Fotografie: Archiv Jans

MINIVERSUM

9. März bis 19. Mai 2013

 

Für den Danioth Pavillon inszeniert Fredy Burkart die Marionettenfiguren des Urner Krippenspiels. Sie wurden ausgeführt von Eugen Püntener und Erna Schillig nach Entwürfen von Heinrich Danioth (1896–1953). Diese Figuren widerspiegeln auf einer hintergründigen Ebene subtil Heinrich Danioths politische Haltung während des Zweiten Weltkriegs.

 

Am Weihnachtsabend 1945 brachte Radio Beromünster nach den Nachrichten die Hörspielfassung des Urner Krippenspiels von Heinrich Danioth zur Uraufführung. Der Künstler, der seit dem Skandal um die Fresken am Bundesbrief-Archiv Berühmtheit erlangt hatte und vielen als Nebelspalter-Karikaturist ein Begriff war, trat damit erstmals auch ausserhalb des Urnerlandes als Autor in Erscheinung.
Danioths Urner Krippenspiel ist im Oktober 1944 während eines unfreiwilligen Aufenthalts in einer eingeschneiten Alphütte im Meiental entstanden. Angesichts der unmittelbaren Bedrohung durch die Schneemassen, geprägt durch die Folgen des Krieges und die Diskussionen um den Plan eines Stausees im Urserental müssen Danioth damals die Menschen wie hilflose Marionetten vorgekommen sein. Darum wohl konzipierte er sein Stück als Marionettenspiel und liess es in dieser Form am 14. Januar 1945 in Altdorf durch die eigens dafür gegründete Gruppe «Gelb-Schwarz» uraufführen.

Das Stück zeichnet sich aus durch die meisterhafte Verwendung von Hochsprache und Dialekt. Mit deutlicher Anspielung auf den Missbrauch des Deutschen durch den Faschismus wendet es sich mittendrin demonstrativ dem Urner Dialekt zu und gewinnt in Passagen wie der Hass-Litanei des Teufels eine eindringliche Sprachgewalt.

 

«Schnee! Schnee! Schnee! / Nur immer mee, / mee, mee, mee! / Und nyd ass Schnee! / Schnee! Schnee! Schnee! / Häi wiän är chunt / so Pfunt fir Pfunt, / unt waxt unt stygt! / Lüä, wiä's-ä bygt! / Alles verschtäipt är, / alles verchläipt är! / Schtüüdän unt Grääbä / topfdeckelääbä! /Wyssäs Choorä / Brot fir moorä! / Gnüagg miänts ha / und wirgä dra! / Schnee! Schnee! Schnee! / Är bsäggni Mäntsch und Vee! / Lachs nit hindärä, / lachs nit fiirä / und vermüür ä jeedi Tiirä!»

 

Mit seinem Urner Krippenspiel von 1944/45 hat der in seiner Bedeutung noch immer unterschätzte Künstler Heinrich Danioth einen wichtigen Beitrag zum Schweizer Mundarttheater geleistet.

 

 

«Viele Gemälde Danioths haben einen doppelten Sinn: So malte er nie eigentliche Madonnen, aber Bauernfrauen, die zu Madonnen umgedeutet werden müssen. Ebenso im Krippenspiel: Seine Drei Könige sind Holzer, also Bergler; Maria und Josef sind Emigranten; und selbst Gottvater erschien auf der Vorbühne der Urfassung in der vertrauten Gestalt des St. Niklaus. Danioth ist der Maler des magischen Weltbildes geworden, das sein Freund Dr. Eduard Renner, im ‹Goldener Ring über Uri› so genial dargestellt hat. Dem Bergler ist der magische Glauben eigen, dass der Mensch ‹im Guten wie im Bösen das Heil und das Unheil seiner Welt› bewirke; je nachdem wandelt sich die Welt oder wandeln sich die Dinge in ihr. ‹Danioth hat das Weihnachtsgeschehen ins magische Erleben des Passbewohners Joder hineingestellt […] Nach Renner ist das Gesetz magisch-realistischer Kunst nicht Überhöhung des Dinglichen ins Göttlich-Überirdische, sondern Angleichung des Göttlichen an das Dingliche›. Man darf folgenden, im September 1946 entstandene Vers aus dem Nachlass von Heinrich Danioth auch auf das Krippenspiel beziehen:

‹Aus Wirrsal des Tages / zur Lichtung der Nacht, / aus gleissender Wüste / in dämmrige Pracht! / Von Teufeln gepeitscht / zu Gott heran. / Spiel mit dem Wahren. / Spiel mit dem Wahn – / das ist die Bahn!›»

Alfons Müller-Marzohl